Zu meiner Person

Warum Ovid? - Nomen est omen!


„Warum ich meinen im Jahr 2005 neu gegründeten Verlag gerade "Ovid"-Verlag genannt habe?“

Diese Frage habe ich mir selbst nicht lange gestellt, aber ab und zu werde ich danach gefragt. - Für mich reicht die Frage „Warum Ovid?“ über die Verlagstätigkeit hinaus und betrifft meinen Werdegang zum Latin lover. Ab und zu frage ich mich tatsächlich, warum gerade Ovid gerade mich so in den Bann geschlagen hat. In der Schule habe ich keines seiner Werke gelesen und bekam mein Abitur, ohne etwas von Ovid zu wissen. Nach langer Grammatikphase (ab Sexta) sind wir nur bis zu Caesars Gallischen Kriegen gekommen; - der Singular de bello Gallico stellt ja schon in sich einen Euphemismus dar!
Nach zwei katastrophalen Anfangsjahren Sexta und Quinta mit fast 50 Schülern in einer Klasse hatten wir die ganze Mittelstufe hindurch einen alten preußischen Offizier in Latein. Im Gedächtnis geblieben ist mir eine der letzten Doppelstunden, in der Herr Dr. Willmer uns voller Begeisterung eine der vielen Schlachten an der Tafel nachzeichnete: Mit - immerhin farbigen - Balken für die einzelnen Kohorten und Legionen, Wellenlinien für die Flüsse und kleinen Bögen als Andeutung von Hügeln. Wahrscheinlich erinnere ich mich gerade an diese Stunde in der Untersekunda (Jgst. 10), weil wir dabei die seltene Gelegenheit hatten, alles andere als Latein zu machen.
Ovid habe ich erst an der Universität kennengelernt, und dann gleich in meinem ersten Semester: Narcissus und Echo aus Ovids Metamorphosen. Damals habe ich noch für jeden Vers 15 Minuten gebraucht, lagen doch fünf Jahre Abstinenz zwischen Schule und Lateinstudium. Nur das Griechische, das ich in der Obertertia begann und als Leistungskurs wählte, und Herr Dr. Burckhardt, ein begnadeter Lehrer und echter Humanist, hatten mich für die alten Sprachen zurückgewonnen. In diesem ersten Semester in Köln habe ich an Narcissus und Echo überhaupt erst begriffen, wie vieldeutig und tiefsinnig Sprache, zumal Dichtung, sein kann. Seitdem entdecke ich fast jedes Mal, wenn ich Ovid lese, noch etwas Neues.
Mittlerweile weiß ich, dass noch so viel Unentdecktes in den Metamorphosen liegt, und ich bemühe mich, Ovids dichterisches Programm immer besser zu verstehen. Mich fasziniert die geniale Leistung, wie ein antiker Autor ohne Computer und moderne Recherchemöglichkeiten ein solches Werk geschaffen hat. Es ist so komplex und vielseitig, dass selbst die intensive internationale Forschung der letzten fünfzig Jahre - das dürften immerhin ca. 50 Meter Bibliothek sein - noch lange nicht den Aufbau und die Erzählabsicht dieses Werkes enträtseln konnte. Meinen kleinen Verlag habe ich also deshalb - etwas hyperbolisch - „Ovid-Verlag“ genannt, weil Publius Ovidius Naso eben mein absoluter Lieblingsautor ist - neben Apuleius, Seneca und Thomas Morus -, und weil die ersten beiden Hefte meiner Reihe „Latein Kreativ“ Werke Ovids umfassen (die Metamorphosen und die Ars amatoria).
Neben Ovid fasziniert mich auch einfach der Mythos, die gewaltige Bildsprache der Griechen, der das gesamte Abendland seine seelische Identität verdankt. Man wird eben nicht erwachsen, indem man den Mythos hinter sich lässt und ihn dem Logos opfert, sondern indem man die Mythen mit der eigenen Person und Biographie verbindet und sie in sein Leben integriert. Mythen sind nämlich über ihre Symbole eng verbunden mit den Tiefenschichten der Seele. Ich stelle sie mir wie Vulkane vor. Manchmal scheinen sie über Jahrhunderte hin erloschen zu sein, längst bedeckt mit Auswurf und Schlacke, äußerlich wie tot. Und doch lebt in ihrem Inneren ein flüssiger Kern, der aus immensen Tiefen glühendheiß aufsteigt und sich immer wieder entlädt und entäußert. So verändert sich die Landschaft um den Vulkan herum beständig. Und so wie vulkanische Asche äußerst fruchtbar ist, sind auch die Mythen ideale Nährböden für die Phantasie, die ohne sie verarmt. Wenn aber die Phantasie verarmt, verarmt auch der Verstand und seine schöpferischen, kreativen Kräfte.



Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

Dass ich einen eigenen Verlag für Lateinische Schulliteratur gegründet habe, entspringt eher einem Ärgernis. Seit Jahren habe ich mir gesagt, dass wir Lateinlehrer bessere Bücher brauchen und dass es nicht reicht, einer Ovid-Ausgabe einige alte Holzschnitte in Schwarz-Weiß beizufügen. Jede andere Sprache kommt mit ansprechenden und modernen Ausgaben daher, und auch wir Lateiner dürfen uns nicht mit dem reinen Text und einigen wenigen oberflächlichen Zusatzfragen zufriedengeben. Wir vertreten schließlich ein Fach, das mit zu den wichtigsten Bildungsfächern gehört und zu Recht als Hauptfach deklariert ist. Hauptfach bedeutet ja nicht nur, dass es ein verkopftes Fach ist, sondern dass es eines der Steuerfächer ist, dessen Erfolg oder Misserfolg entscheidenden Anteil am Gelingen von Bildung hat.
Mich störte auch, dass man an keiner Ovid-Ausgabe wirklich auf den ersten Blick sehen konnte, was man da liest. Schließlich sind die Metamorphosen ein solch bildgewaltiges, phantasiereiches, intelligentes und tiefsinniges Werk, dass auch das äußere Erscheinungsbild einer Ausgabe etwas davon widerspiegeln sollte. Wie gesagt, nur widerspiegeln, denn wie Udo Reinhart richtig bemerkt, erreichen „illustrierende Bilder nur selten die Differenziertheit und Komplexität literarischer Gestaltung“ (Auxilia, Bd. 48, S. 7). Daneben ist es mir wichtig, dass Schüler einen existentiellen Bezug zu den Mythen aufbauen können, indem sie sich selbst in den Figuren entdecken und durch kreative Weiterformung die Mythen für sich lebendig machen.
In den Jahren 2002 bis 2004 hatte ich die Gelegenheit, im Buchners-Verlag in der Reihe „Antike und Gegenwart“ ein Lektüreheft zu „Daphne - Narcissus - Pygmalion; Liebe im Spiegel von Leidenschaft und Illusion“ zu erstellen. Daran habe ich gelernt, welche Vorgänge zur Publikation eines solchen Buches nötig sind. Doch wollte ich nicht nur drei Erzählungen bearbeiten, sondern ein größeres Gesamtkonzept verwirklichen.


Sed quemadmodum finis suus veniet in mentem <hominibus> omnia sine fine concupiscentibus! (Seneca, ep 70, 17)

Einen Verlag zu gründen, ist in Deutschland gar nicht schwer; man meldet ihn beim Ordnungsamt an und - schwupps - ist man „Verleger“. Aber nur so, wie Ovid es in Amores I 1 mit der Liebe beschreibt. Da hat der kleine, verschmitzte Amor ihn mit seinem Pfeil getroffen und ihn rasend verliebt gemacht. Das Problem ist nur, dass er noch gar kein Mädchen hat, das er lieben könnte; die Liebe findet sozusagen in vacuo pectore statt, in leerer Brust - also mehr in spe als in re. Am nächsten Morgen wacht er auf und wundert sich, dass er so unruhig geschlafen und so wild geträumt hat, bis ihm wieder einfällt, was ihn da quält: der Giftpfeil Amors! Nun muss er sich schleunigst ein Mädchen anlachen, um seine Liebesgefühle auch ausleben zu können und die quälende Sehnsucht zu lindern. Natürlich ist es ausgerechnet eine verheiratete Frau, in die er sich verliebt, und die er auf einer Party trifft, bei der auch ihr Mann zugegen ist; - die Konkurrenz schläft nicht!
Der Vergleich will sagen: Verleger werden ist nicht schwer, Verleger sein dagegen sehr. Man muss erst einmal ein Buch schreiben oder - wie Cupido, der Ovid zur Liebesdichtung zwingt - fremde Autoren gewinnen und deren Bücher produzieren. Meist fängt man auch da vacuo marsupio, mit leerem Geldbeutel, an! Man muss einen guten Drucker zu vernünftigen Preisen bekommen, sich über das Rechnungswesen und die Steuern informieren, den Versand organisieren, Verpackungsmöglichkeiten und Formate klären, man muss ein solches Schulbuch in Bayern genehmigen lassen - dies kostet ein halbes Jahr Zeit und einiges an Geld, ist aber durchaus sinnvoll, weil man aus Kritik nur lernen kann - , man muss vor allem die Werbung und den Vertrieb möglichst schnell ans Laufen bekommen, und schließlich muss man - falls man nach zwei Jahren nichts verdient haben sollte - dem Finanzamt den Unterschied zwischen Liebhaberei und Profession erklären, denn ansonsten zahlt man einiges an Steuern nach und verabschiedet sich von der Idee, Verleger zu sein.
Nun bin ich es schon einige Jahre lang und es macht mir großen Spaß. Es ist eine Herausforderung, die mich vieles lernen lässt, vor allem aber ist es spannend, so viele Kontakte zu bekommen und zu pflegen, so viele Reaktionen zu erleben - die meisten zum Glück sehr positiv - und das Bewusstsein zu haben, dass die eigenen Bücher vielleicht zu einem modernen und interessanten Lateinunterricht beitragen können. Vor allem reizt es mich immer wieder, mich möglichst intensiv mit allen Facetten lateinischer Lektüre auseinanderzusetzen und auf diese Weise selbst immer weiter dazuzulernen.
Faszinierend finde ich für mich persönlich auch den Kontakt zu den vielen Künstlern weltweit, deren Engagement und Ideenreichtum ich sehr vieles verdanke. Die meisten reagieren sehr nett und aufgeschlossen auf meine Anfragen und freuen sich, ihre Werke in einem Schulbuch in Deutschland wiederzufinden. Manchmal aber ist es wie Detektivarbeit, Adressen herauszufinden und Kontakt zu bekommen. Am kuriosesten war es, eine Künstlerin in Amerika zu kontaktieren, deren Bild ich unbedingt mit einbinden wollte. Über ein Jahr lang habe ich ständig E-Mails und Briefe an alle möglichen Leute geschickt und hatte es schon fast aufgegeben, als mich eine Mail aus Amerika erreicht: „Please pardon my delay in getting back to you; I was traveling across the country in an old Cadillac ... a long story.“
Das sind dann schöne Momente, und auch, wenn die Künstler mir voll Freude zurückschreiben, wenn sie nach langer Wartezeit endlich ihr Belegexemplar bekommen. In den meisten englischsprachigen Ländern sind die Lateinbücher, soweit ich dies beurteilen kann, ziemlich schlecht gemacht und von deutlich minderer Qualität als es bei uns der Fall ist.
So möchte ich meinen kleinen Bericht denn auch mit Ovid beschließen. Gegenüber allen, die die graue Vorzeit so loben (und dies meine ich hier übertragen auf die Schulbücher meiner Kindheit), sagt Ovid: Simplicitas rudis ante fuit. Nunc aurea Roma est!

Rudolf Henneböhl


 

P.S.: Wer mehr über mich wissen möchte ...
- Geboren 1959 in Leverkusen
- Abitur am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, Leverkusen
- Studium an den Universitäten Köln und Bonn (Latein, Katholische Religionslehre und Philosophie)
- Referendariat in Siegen (Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium)
- 3 Jahre tätig am Gymnasium St. Kaspar in Bad Driburg
- 2 Jahre tätig am Liebfrauen-Gymnasium in Köln
- seit 1993 erneut am Gymnasium St. Kaspar in Bad Driburg tätig
- verheiratet, vier Kinder
- Gründung des Ovid-Verlages im Jahr 2005



Interessensgebiete und Hobbys:
- natürlich Lesen, Lesen, Lesen ...!
- daneben Sport (Volleyball, Schwimmen und Schnorcheln)
- Wandern (am liebsten in Griechenland)
- Backen und Kochen
- bildende Kunst
- Musik (Andenflöte/Kena, griechische Musik, folkloristische Musik)