Band VI - Textband

 

Der Textband (Neuerscheinung 2018) umfasst 168 Seiten mit über 100 farbigen Abbildungen.
[ISBN: 978-3-938952-19-1]

Gebundener Ladenpreis: 15,00 €  [Lehrerprüfstück: 12 €, Studenten und Referendare: 10 €].


Amor und Psyche ist ein genialer Stoff für die Oberstufenlektüre ‒ eine märchenhafte Novelle, die durch ihren Abwechslungsreichtum, ihren tiefenpsychologischen Gehalt und ihre jugendnahe Thematik, nicht zuletzt durch die großartige Sprachform zur Lektüre einlädt und vielfältige Interpretationsmöglichkeiten bietet.

Die Erzählung selbt ist so vielschichtig, dass sie die Schülerinnen und Schüler auf verschiedenen Ebenen anspricht. Sie behandelt Beziehungskonflikte und Entwicklungsstufen und schildert in märchenhaft-allegorischer Form die notwendigen Reifungsprozesse in der Seele eines Jugendlichen (männlich in Hinsicht auf den "animus", weiblich in Hinsicht auf die "anima") auf dem Wege zu einer gelingenden Beziehung. Dabei vermittelt das Mythenmärchen selbst, das aus dem 2. Jh. n. Chr. stammt, bereits in sich eine Form der Liebe - eben als Verbindung von Amor (= triebhafte Sexualität) und Psyche (= seelische Empfindsamkeit und Gefühlstiefe) - die über die Antike hinausreicht und menschheitlicher Natur ist. Die vielfältige Rezeption, die dieser Stoff bis in die Neuzeit erfahren hat und auch heute immer wieder neu erfährt, zeigt die bleibende Aktualität des Themas.

Die Textausgabe bindet die Novelle in die Rahmenerzählung des "Metamorphosen"-Romanes des Apuleius ein, in der der Haupterzähler Lucius in einen Esel verwandelt wird und nun in verwandelter Gestalt Leid und Elend der Kreatur, aber auch alle Facetten des Menschlichen erlebt. Bei einer Isis-Prozession wird er zum Schluss zurückverwandelt und beschreitet von da an, nachdem seine "weltlichen Prüfungen" überstanden sind, einen religiösen Heilsweg als Adept des Isiskultes. Der Roman vermittelt von daher einen tiefen Einblick in antike Mysterienkulte und in die philosophisch-religiöse Welthaltung der Spätantike.

Im Zentrum steht jedoch die eingeschobene Novelle (Binnenerzählung) von Amor und Psyche. Als Königstochter und jüngste von drei Schwestern, mit außerordentlicher Schönheit "gesegnet", erfährt Psyche die Verehrung der Menschen als "neue Venus", bleibt aber einsam und allein, da sie nur auf ihr Äußeres reduziert wird. Gerade für eine "Psyche", Inbegriff der Seele, ist dies eine vernichtende, zutiefst deprimierende Erfahrung. Psyche verfällt deshalb in tiefe Depression. Ein Orakelspruch, der eigentlich Rettung bringen sollte, zwingt den Vater dazu, seine Tochter auf einem schroffen Berggipfel zu einer "Todeshochzeit" auszusetzen. Einsam und verlassen verfällt sie in einen tiefen Schlaf und wird vom Westwind Zephyrus in ein idyllisches Tal hinabgetragen, wo sie nahe einer Quelle aufwacht und einen wundersamen Palast erblickt. Sie betritt den scheinbar unbewohnten Palast und wird dort von unsichtbaren Geistern umsorgt. Nachts aber kommt immer der Gott Amor zu ihr und schläft mit ihr. Er will aber unentdeckt bleiben. Eine Intrige durch die Schwestern der Psyche bringt Psyche dazu, gegen den Willen Amors diesen in der Nacht zu betrachten, wodurch sie die Beziehung zerstört. Amor flieht und von da an macht sich Psyche auf den langen Weg der Suche nach dem verschwundenen Amor. Es ist, psychologisch gesehen, ein notwendiger Weg für sie, ihr Individuationsweg, der sie erst zu ihrem eigenen Wesen und dann zu Amor führt.
Auch Amor hat in der Zwischenzeit einen eigenen Heilungs- und Individuationsweg hinter sich bringen müssen (den Weg des Erwachsen-Werdens). So können beide schließlich in einer göttlichen Hochzeit miteinander auf ewig vermählt werden. Von nun an ist die Liebe mit der Seele untrennbar verbunden.

Die großartige Sprache des Apuleius entfaltet nicht nur - teils in barocker Überfülle - das märchenhafte Kolorit der Erzählung, sondern verweist immer wieder in symbolhafter, sehr eindringlicher Form auf den seelischen Tiefengehalt der Erzählung. Diese Symbolebene zu verstehen und zu deuten und sie in kreativer Form mit der eigenen seelischen Entwicklung zu verbinden, ist ein äußerst spannendes Geschehen, das die Schüler in den Unterricht mit einbindet und sie die Erzählung auch innerlich miterleben lässt. Der Unterricht bleibt nicht nur äußerlich rezipierter Lektüreunterricht, sondern bewegt und verändert und betrifft jeden Einzelnen.

 

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